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sibirien gericht inhaltSibirien: Vor Gericht

Zwei Monate unterwegs bei Temperaturen minus 58°C. Und dann landen diese Abenteurer Gottes auch noch vor Gericht. 

Hier herrschen die eisigsten Temperaturen seit zehn Jahren. Noch nie in meinem Leben habe ich* dermaßen gefroren. Mit unserem Spezialfahrzeug durchpflügen wir die Weiten Sibiriens, unterwegs zu Völkern, von denen kaum einer auch nur den Namen kennt.

Im Sperrgebiet
Wir legen mehr als 12'000 Kilometer zurück. Auf manchen Streckenabschnitten mit durchschnittlich 10 Kilometern pro Stunde. Bei solchen Bedingungen ist es fast unausweichlich, die Tugend der Geduld zur Blüte zu bringen.

Wir erreichen Belaja Gora und wollen weiter nach Chokurdakh. Das geht nur mittels Sondererlaubnis, denn wir befinden uns im Grenzgebiet zum Polarkreis, nahe bei Alaska, fahren durch militärisches Sperrgebiet. Unsere vor Monaten beantragte Einreiserlaubnis steckt noch im Labyrinth der Bürokratie fest. Was nun? Die mit der größten Kühnheit gesegneten Teammitglieder schlagen vor, einfach drauflos zu fahren – im Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren werde. Für die Inhaber eines russischen Passes wäre das ja eine Option, nicht jedoch für die beiden Deutschen und die zwei aus Weißrussland, die eine Deportation riskieren würden.

Vitali aus Chokurdakh, der uns entgegengefahren ist, ruft kurzerhand den Chef des dortigen FSB - ehemals KGB - an. Der meint, wir könnten bedenkenlos einreisen. Die Erlaubnis in elektronischer Form reiche aus – und die könne ja eintreffen, bis wir am Ziel ankommen: »Eine Deportation ist ausgeschlossen! Im schlimmsten Fall droht euch eine Strafzahlung von 300 Rubeln (rund 8 EUR) pro Person.« Nun gut, angesichts des überschaubaren Risikos fahren wir los.

Attraktion Gerichtsprozess
Gegen 2 Uhr nachts erreichen wir Chokurdakh, ein 2500-Seelen-Dorf mitten im Nirgendwo. Im Umkreis von etwa 500 Kilometern lässt sich nichts ausmachen - außer Schnee. Dass wir hier, und zumal mit unserem monsterartigen Vehikel auffallen, liegt auf der Hand. Und prompt stehen um 9 Uhr morgens Polizeibeamte auf unserer Türschwelle, zwecks Begutachtung unserer Einreiseerlaubnis. Mit flauem Gefühl im Magen starten wir unseren Computer, doch aus dem Maileingang starrt uns Leere entgegen. Wir werden genötigt, die polizeiliche Amtsstube aufzusuchen, wo deren Computer dasselbe Resultat liefert. Somit wird unser Fall dem Gericht übergeben, vor dem wir um 16 Uhr zu erscheinen haben.

Wir finden den Gerichtssaal gerammelt voll von Schaulustigen vor. Denn in dieser Einöde ist eine Verhandlung gegen Ausländer eine Attraktion, die es rechtfertigt, selbst die Tankstelle, die Apotheke und Dorfläden dichtzumachen, um dabei zu sein. Und für uns ist klar: Auch Jesus ist zugegen.

Ungewöhnliche Gerichtsverhandlung
Mit grimmiger Miene wirft uns die Richterin vor, ohne Erlaubnis ins Sperrgebiet eingedrungen zu sein. Nachdem ich ihr entgegenhalte, wir hätten uns zuvor beim FSB gemeldet, wird dessen ebenfalls anwesender Chef zu einer Bestätigung aufgefordert. Worauf die Gesichtszüge die Richterin etwas weicher werden. Sie fordert uns auf, zu erklären, woher wir kommen und warum wir hier sind – ohne zu ahnen, dass sie damit eine zweistündige Evangelisationsveranstaltung einleiten würde.

Wir erklären, dass wir hier sind, um die gute Nachricht von Jesus Christus zu den aussterbenden Völkern Sibiriens zu bringen. Ich berichte von meiner persönlichen Erfahrung, dass ich nach einem Unfall fünf Stunden tot war und wieder zum Leben zurückgekehrt bin. Die Mitangeklagten aus Weißrussland singen Lieder. Das Ganze mutiert sich zu einer evangelistischen Veranstaltung mit vollem Saal, die wir niemals so hätten organisieren können.

Verurteilung
Ohne Begeisterung verurteilt uns die Richterin zu einer Busse von 2000 Rubeln – rund 40 EUR und fügt mit offensichtlicher Sympathie hinzu: »Wenn Sie das nächste Mal in Chokurdakh sind, klopfen Sie zuallererst bei mir an, selbst wenn Sie mitten in der Nacht ankommen. Ich werde dann sämtliche Formalitäten für Sie regeln.«

Die 2000 Rubel Busse sind für uns leicht zu verkraften, und der Gedanke, der in mir hochkommt, lässt mich schmunzeln: Ungefähr so hoch wäre vielleicht die Saalmiete ausgefallen. Gott hat Humor – und ein pulsierendes Herz für diese Menschen am unterkühlten Ende der Welt.

*Mitarbeiter AVC